Versichertenkarte

Mit dem Einstieg in die Freiberuflichkeit kam auch der Einstieg in die private Krankenversicherung. Mein Leben lang habe ich mich kaum mit dem Konzept auseinandergesetzt. Mit der gesetzlichen, die ja jeder in Deutschland genießt, war ja nie etwas verkehrt. Klar kannte ich die gewöhnlichen Sprüche und Kommentare wie „Die kriegen Kaffee und kommen früher dran“ oder „Private kriegen für einen blauen Fleck eine MRT-Untersuchung damit der Arzt Geld macht“. Mehr war das für mich aber nicht.

Hat man nun aber die Wahl, 500 Euro für die gesetzliche oder 500 Euro für die private Krankenversicherung auszugeben, muss man meiner Meinung nach nicht lange nachdenken. Mehr für das gleiche Geld. So habe ich es mir vorgestellt. Wie bizarr aber die Veränderung ist, hätte ich nicht gedacht.


Private Krankenversicherung verschafft schneller Termine

Terminkalender mit Stethoskop

Ich habe es ja geahnt und auch davon gehört, aber es dann selbst zu erleben ist noch einmal etwas anderes. Man ruft beim Arzt an. Man hat Schulterschmerzen, die seit Wochen nicht verschwinden. Man hat sich wochenlang damit herumgeschleppt, weil man sich den Arztbesuch sparen wollte. Aus Gewohnheit betont man, dass man akute Schmerzen hat; Für gesetzlich Versicherte das wahrscheinlich wichtigste Adjektiv. Hier der Ablauf:

Gibt es noch einen kurzfristigen Termin? Nein, ich war noch nie bei Ihnen.

Wo sind Sie denn versichert? Den Namen kenne ich nicht ist das gesetzlich? Ah, privat, haben Sie heute Zeit? In einer halben Stunde?

Gut, vielleicht sind sie einfach gerade nicht ausgebucht… Aber anders als sonst geht es nicht ins Wartezimmer, um dort die 3 Formulare zur Datensicherheit und Patientenvorgeschichte auszufüllen, sondern direkt ins Behandlungszimmer. Ob wohl der Warteraum unter meiner privatversicherungswürde liegt? Vielleicht war der Raum auch einfach frei…

Der Arzt ist da und es wird geröntgt und gescannt. Nichts zu sehen? Machen wir zur Sicherheit noch ein MRT!

Es ist ja nicht so, als hätte ich nicht geahnt, dass mit kostspieligen Prozeduren um sich geworfen würde, aber es ging einfach so schnell, dass ich gar nicht wusste, wo die Grenze zur Realität gezogen werden sollte. Mein Ziel war klar: Schmerzen begründen und loswerden. Wenn kein Grund gefunden wird, muss eben eine andere Methode her. Also kam das MRT. Dort wurde die private Krankenversicherung dann wirklich zur Absurdität für mich.

Drei Sanduhren mit verschiedenen Farben

Aus meiner Zeit als Kassenpatient weiß ich, dass die Maschinen quasi permanent laufen und deshalb auch entsprechende Wartezeiten zu erwarten sind. Auf dem Weg nach vorn zur Sprechstundenhilfe war ich schon etwas irritiert, da bis zu diesem, wahrscheinlich fernen, Termin sich nichts an meiner Schulter bessern würde. Wow, lag ich falsch. Nicht ich mache den Termin, sondern die Sprechstundenhilfe – gleich hier und jetzt. Was ein Service!

Wann ich Zeit hätte? Wie? Es geht nach MEINEM Kalender? Ich versuche noch, den Haken zu finden, da fragt sie mich ob ich HEUTE Zeit hätte. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie mir geschieht. Wenn ich jetzt losfahre, käme ich quasi direkt dran. Den Folgetermin beim Orthopäden gibt’s dann direkt am nächsten Tag. Das ist doch absurd.
Ich fühle mich wie in der Twilight Zone (ich glaube, das ist eine passende Referenz, wenn auch gewagt, da ich die Serie nie gesehen habe). Das ist doch nicht normal. Für mein letztes MRT als Kassenpatient wartete ich 4 Monate. Und gefühlt weitere 3 Stunden im Wartezimmer plus 3 Wochen für den Folgetermin. Das zweite Mal in Folge muss ich nicht einmal einen Tag auf einen Termin warten.

Ach SO sie sind privat: Die Krönung der Absurdität

Immer noch perplex von dieser Bevorzugung ohne, dass ich nun als Notfall betitelt werden könnte, komme ich in die MRT Praxis. Es ist vollgepackt. Die Unterhaltung mit der Sprechstundenhilfe bringt mich zurück auf den Boden. Auf welcher Welt dieser Boden liegt, weiß ich nicht.

Ohne Termin geht nichts. Da haben wir frühestens nächste Woche was anzubieten. Und da haben sie schon richtig Glück.
Ich fühle mich wieder ganz in der Realität. Aus Verwirrung sage ich: „Komisch, dass ich dann direkt für morgen einen Termin beim Orthopäden bekommen habe. Muss wohl ein Missverständnis sein. Ist ja aber kein Problem, dann machen wir eben einen Termin.“
Sie: „Ja ne ohne geht gar nichts…“ Sie beginnt zu tippen und plötzlich hält sie inne.

„Oh ja, eine private Versicherung. Ja das ist was anderes. Zurück, vergessen sie was ich gesagt habe. Die Kollegin hat für sie schon einen Termin ausgemacht.“ Ich stehe da wie ein Stein gemeißelt. Um mich herum stehen Menschen, die wahrscheinlich Wochen – dank Corona vielleicht Monate – auf ihren Termin warten mussten. Und dank der detaillierten Unterhaltung wissen jetzt alle, dass ich ohne Aufwand oder Wartezeit dran komme. Die Ungerechtigkeit fühlt sich greifbar an. Dass ich in ein gesondertes Wartezimmer für Privatversicherte geschickt werde ist fast schon ein Segen. So muss ich nur kurz an den anderen Menschen vorbei, denen ich aus Scham nicht ins Gesicht sehen möchte. Das war so alles nicht meine Absicht oder auch nur Teil meiner Vorstellung.

Der Kaffee läuft

Ich konnte nicht einmal einen Privatpatienten-Kaffee machen, bevor ich ins Zimmer geschickt wurde. Während der Kaffee durch die Maschine lief, war ich schon außer Reichweite. Anscheinend gibt es ein EXTRA MRT FÜR PRIVATPATIENTEN. Was? Ich meine WAS? Ich hoffe inständig, dass es auch für „den Pöbel“ benutzt wird, wenn gerade keine Loyalität in den Räumlichkeiten verweilt. Aber ich weiß es nicht. Dieses MRT ist ein Kinderspiel im Vergleich zu dem lauten, beängstigenden Gerät, das ich kannte. Wäre ich nicht so verstört gewesen, hätte ich wahrscheinlich einschlafen können.

Wieder im Warteraum ist mein Kaffee noch auf Trinktemperatur. Nach 10 Minuten Kaffee, Keks und – wenn ich gewollt hätte – Saft, Wasser oder Cola geht es weiter zum Radiologen. Danach ist alles eigentlich wieder „normal“. Alles, außer meiner Weltanschauung. Innerhalb von 2 Stunden habe ich die private Krankenversicherung so richtig kennengelernt.

Fazit

Es war wie eine Art Kulturschock. Wäre es finanziell sinnvoll gewesen, wäre ich damals bei der gesetzlichen Krankenkasse geblieben. Wenn aber das gleiche Geld ein komplett neues Spektrum an Leistungen mit sich zieht, dann ist die Entscheidung klar. Nun bin ich also privat versichert und kann mich vor der ganzen Bevorzugung gar nicht mehr retten. Mit demütigem Blick bin ich an den wartenden Patienten vorbeigegangen und denke mir – immer noch – “fair ist das nicht.” Sinnvoll ist es auch nicht. Mir geht es nicht schlechter als den Anderen, ich bringe dem Arzt nur mehr Geld.

Aber sein wir mal ehrlich. Was macht man? Sage ich “Nein, bitte geben sie mir erst nächste Woche einen Termin”? Die Verhältnismäßigkeit aufrechterhalten sollten die Ärzte. Ich habe drei Wochen damit überlebt, ich schaffe es weitere zwei. Wo der Kassenpatient betteln und auf akute Schmerzen verweisen muss, müsste der, der eine private Krankenversicherung hat, nochmal nachfragen ob ein späterer Termin nicht gesellschaftlich korrekter wäre?

Ein rotes Gummibärchen unter vielen weißen

Ich versuche hier keine Lösungsansätze zu bieten, denn ich habe sie nicht, Aber ich bin schockiert darüber, wie dieser Tag abgelaufen ist. Ich habe ja noch die Vermutung, dass es sich um einen Ausnahmefall handelt und das nicht immer so abläuft. Was mich aber interessieren würde ist eure Erfahrung. Ob ihr eine private Krankenversicherung habt oder gesetzlich versichert seid – wie habt ihr bisher die Unterschiede erlebt und wie steht ihr dazu? Ich freue mich, von euch zu hören!

Cheerio,

Anna

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